Am liebsten hätte ich dieses Buch »finestre e finestre finte« genannt, da ich einen großen Teil der Fenster und vor allem alle finestre finte in Oberitalien und im Tessin aufgenommen habe. Finestra finta heißt soviel wie vorgetäuschtes Fenster, und es wurde sowohl aus ästhetischen als auch aus steuerlichen Gründen (sog. Fenstersteuer) auf die Hausfassade gemalt. Dem Malermeister, der so auch seine künstlerischen Fähigkeiten beweisen konnte, machte diese Arbeit bestimmt Spaß.
Zumeist sind die Leibungen und Brüstungen, also auch die Schatten echt, so daß es sich um wahre Augentäuschungen handelt. Perfekt wird das trompe l'oeil in der Fotografie, in der man nur schwerlich den gemalten vom echten Schatten unterscheiden kann, wie zum Beispiel bei dem Gefängnisfenster in Cannabio oder dem Fenster mit der Mullgardine in Magadino.
Daher möchte ich die Betrachter meiner Bilder bitten, genau hinzusehen, ob es sich um gemalte oder um echte Fenster handelt, denn viele der gemalten sehen wie echte aus, während die echten oft wie gemalte wirken. Mir geht es hier nicht um eine Dokumentation, sondern um die Vermittlung einer Stimmung. Auch um die geheimnisvolle oder doppelbödige Stimmung, die die geschlossenen Fensterläden im Süden ausstrahlen. Diese meist sogar mit Innenläden und von außen mit Gittern, also doppelt verschlossenen Fenster habe ich in Griechenland aufgenommen, das Land, in dem man Licht und Hitze aussperren möchte. Auch der Betrachter fühlt sich ausgesperrt und kann seiner Phantasie freien Lauf lassen, was sich hinter diesen Läden abspielt.
Fenster sind die Augen des Hauses, oder, wie der Architekt Ulrich Conrads einmal schrieb, Fenster sind das Lob der Wand. Begriffen als Form und Detail in der Architektur. Sie sind mit den Bauten unserer Zeitverschwunden. Wir entbehren etwas und wissen nicht was. Es ist wie ein Sprachverlust. Die Wand nur noch Oberfläche, das Fenster bloß noch Funktion.
Das Fenster, und ganz besonders die finestra finta, war bis Anfang dieses Jahrhunderts Artikulation des Zeitgeists und der technischen Möglichkeiten. Städtische und ländliche Fenster waren deutlich zu unterscheiden, hatten einen verschiedenen Zweck zu erfüllen.
Meine Fensterbilder sind meistens in ländlichen Gegenden entstanden, an Orten der Muße, und diese Muße und Stille machte ich gerne weitergeben.