Unsere Sehnsucht nach einer bäuerlich-ländlichen Welt, die unabhängig von Nationalität und Grenzen bis vor kurzem überlebt hat, war Anlaß zu dieser Dokumentation. Ich wollte Reste einer vergänglichen, vorindustriellen Lebensform in einer Region festhalten, in der der Wandel der sozialen Strukturen von einer Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft besonders heftig und einschneidend war.

Ein Blick ins Telefonbuch, in dem unter Gresso knapp dreißig Anschlüsse verzeichnet sind - bis auf drei alles Tessiner Namen -, ließ einen überschaubaren und nicht überfremdeten Ort vermuten. Das bestätigte sich, als ich an einem strahlenden Tag im Februar 1983 zum ersten Mal durchs verschneite Tal nach Gresso fuhr. Es roch nach Landwirtschaft und warmem Mist, man hörte Hühner gackern, Schafe blöken und Hunde kläffen. Abgesehen von den Hunden und der unfreundlichen Osteria-Wirtin wurde ich von den Bewohnern so warmherzig empfangen und aufgenommen, daß ich mich inzwischen nicht mehr als Fremde empfinde und ein Gefühl von Zugehörigkeit habe, das mir sowohl die nötige Nähe als auch die rechte Distanz ermöglicht.

Jener Februartag war der Beginn einer sieben Jahre währenden intensiven Auseinandersetzung und Arbeit mit einer ländlichen, beinahe heilen Welt. Natürlich ist die Gemeinde überaltert, die Jungen leben und arbeiten als Angestellte in den tiefer gelegenen Städten und bevölkern nur noch an Wochenenden und Feiertagen das Dorf. Mit den überwiegend älteren Bewohnern, die noch mit sich und der Natur in Einklang leben, wird die traditionelle, bäuerliche Lebensweise im Tessin aussterben. In den sieben Jahren hat sich das Dorfbild mehr als in den letzten fünfzig Jahren verändert. Das Gemeindehaus mit Arztpraxis wurde perfekt modernisiert. Statt der verwitterten Steinplatten decken mehr und mehr normale Dachpfannen und Eternitplatten die Dächer, in die es nicht mehr hineinregnet. Für die Dorfbewohner ein Fortschritt. Dürfen wir daran zweifeln?